Rundgang um und durch die Gethsemanekirche Würzburg
Heuchelhof Strassburger Ring 127
Herzlich willkommen zu unserem virtuellen Kirchenrundgang. In der runden
Gethsemanekirche versammelt sich die bunte und vielfältige
Evangelische Gemeinde vom Heuchelhof zu einer Gemeinschaft.
Gehen Sie auf Entdeckungsreise durch diesen besonderen Kirchenbau.
Eine Annäherung
Wenn ich in eine Kirche gehen möchte, dann bin ich auf der Suche. Ich suche nach Ruhe, nach Geborgenheit, nach Gemeinschaft oder einfach einem Ort, wo ich da sein darf, so wie ich bin. Ich suche nach Orientierung, nach Ermutigung, nach einer Richtung fürs Leben, nach Sinn. In der Kirche suche ich nach Gott und danach, welche Bedeutung Gott in meinem Leben findet.
Gehe ich im Würzburger Stadtteil Heuchelhof über die Brücke vom Place de Caen in Richtung Hauptschule, kann ich sofort die markante Silhouette des Zeltdaches der Gethsemanekirche wahrnehmen. Hier lockt ein besonderer Bau meine Neugierde. Komme ich zur Fußgängerampel an der Straßenbahnhaltestelle, dann fällt mir die wuchtige Mauer aus fränkischem Muschelkalk ins Auge. Es ist der Stein der Gegend, er erinnert mich an die Mauern eines Weinbergs. Kein Fenster eröffnet mir den Blick ins Innere. Doch das golden leuchtende Kreuz auf der Dachspitze weist den Bau sofort als Kirche aus. Manchmal lassen sich hier Vögel für eine Ruhepause nieder.
Auf der Suche nach dem Eingang werden meine Schritte unter den Glockenturm hindurch gelenkt. Wie aus einem Stadttor hinaus betrete ich einen anderen Teil der Welt. Der Alltag bleibt hinter mir. Ich verlasse die Enge zwischen den Häusern und das Gefühl liegt nahe, dass ich damit auch einen Weg aus innerer Enge gehe. Stattdessen richten sich meine Augen in die Weite. Über die Hecken und Wiesen des Naturschutzgebietes, das Maintal, seine Häuser und Weinberge bis zu ein paar Windrädern am Horizont wandern die Augen. Ruhe finden sie unter dem offenen Himmelszelt. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ kann ich mit Psalm 31 fühlen.
Ich betrete den Kirchenbau durch eine große Glastüre und werde aufgenommen in das Rund des Raumes. Die Weite des Erdkreises draußen spiegelt sich wieder in der Weite der Sitzkreise, die von der Rundung der Wand geborgen wird. Hier haben Gottes Ebenbilder in all ihrer Vielfalt Platz. Die Weite verträgt keine Gleichmacherei. Sie sehnt sich aber nach einem Zentrum und einer Richtung. Im Kreis orientiert sich alles an der Mitte. In Gethsemane finde ich in der Mitte den Altar. Er lädt mich ein, im Abendmahl Trost und Ermutigung zu finden. Die aufgeschlagene Bibel fordert mich auf, Geschichten für mein Leben zu finden. Die Mitte lenkt meine Sinne nach oben. Ich kann loslassen, was mich belastet. Durch die gläserne Laterne ahne ich ein Glitzern des goldenen Kreuzes und bei Nacht sogar ein Funkeln der Sterne.
Bei Gott bin ich geborgen, Gott kann ich mein Leben anvertrauen.
Ich lade Sie ganz herzlich ein, den Kirchenbau nicht nur mit kunst - und architekturinteressierten Augen zu sehen, sondern ihn mit den Sinnen des Glaubens wahrzunehmen. Dann kann er seine Kraft entfalten.
Max von Egidy (Pfarrer)
Der Name „Gethsemane“
Die Gethsemanekirche hat ihren Namen vom Garten Gethsemane vor den Toren der Stadt Jerusalem. In den Evangelien wird erzählt, wie Jesus am Abend von Gründonnerstag mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte und dann hinaus ging in den Garten Gethsemane am Ölberg. Seine Jünger bat er: „Wachet und betet“ (Mt 26,41). Im Gebet vertraute er sich Gott an: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39).
Die Gethsemanekirche am Heuchelhof liegt auch am Rande einer Stadt – der Stadt Würzburg. An die Grenze zum weiten Garten des Naturschutzgebietes ist sie gebaut. Der Rundbau ist ein Ort des Gebets und der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Um den Altar der Gethsemanekirche sind die Menschen heute eingeladen, zu beten und ihr Leben Gott anzuvertrauen.
Im Namen findet sich die geistliche Bedeutung des Kirchenbaus: „Gethsemane“ vereint Form und Inhalt, Architektur und Glaube.
Planung
Die im Jahr 1973 auf dem Heuchelhof gegründete noch recht junge Evangelische Kirchengemeinde nahm eine rasante Entwicklung. Aus den anfänglich 40 Familien wurden fast 3000 Gemeindeglieder und es wuchs der Wunsch nach mehr und größeren Räumen. Über eine angemietete Wohnung führte der Weg 1976 zu einem Gemeindezentrum in der Den Haager Str., das bald schon erweitert werden musste und auch danach schnell wieder zu klein wurde.
Aus einem Planungswettbewerb für eine Kirche mit Gemeindehaus und Pfarrhaus auf dem Heuchelhof ging 1990 das Münchner Architekturbüro Alexander Freiherr von Branca als Sieger hervor.
Die konkreten Planungen begannen im Jahr 1995 und sahen nur noch den Bau von Kirche und Gemeindehaus vor, das Pfarrhaus war aus Kostengründen nicht mehr möglich.
1998 konnte schließlich der Grundstein für die Gethsemanekirche gelegt werden. Nach zwei Jahren Bauzeit wurde sie am 14. Mai 2000 durch Regionalbischof Dr. Ernst Bezzel eingeweiht.
Bauherr und Eigentümer der Gethsemanekirche ist die Evangelisch-Lutherische Gesamtkirchengemeinde Würzburg.
Finanzierung
Die Bausumme der Gethsemanekirche betrug 5,5 Millionen DM. Die Finanzierung erfolgte weitgehend durch Zuschüsse der Evangelischen Landeskirche, davon mussten 2,2 Mio. über mehrere Jahre zwischenfinanziert werden. 30 Privatpersonen und Kirchengemeinden gaben dafür Darlehen, zum Teil sogar zinslos.
Außerdem wurde das alte Gemeindezentrum in der Den Haager Str. an die Stadtbau GmbH verkauft. Die Gemeinde durfte das Gebäude aber bis zum Umzug in die neue Kirche weiterhin kostenlos nutzen.
Dazu kam noch ein hoher Eigenanteil der Gemeinde, der durch viele Einzelspenden und eine Erbschaft aufgebracht werden konnte.
Das Erbe von Diakon Eugen Baltrusch
Im Oktober 1996 starb Diakon i.R. Eugen Baltrusch im Alter von 86 Jahren. Er hatte seit seiner Pensionierung 1974 auf dem Heuchelhof gewohnt und sich ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert. So leitete er über lange Jahre hinweg den Posaunenchor.
Unerwartet hinterließ er ein Erbe von über 700.000 DM. Fast 3 Jahre vergingen bis im September 1999 der Erbschein für die Gethsemanegemeinde ausgestellt werden konnte.
Nur dadurch wurde es möglich, Wünsche die während der Bauzeit aus Kostengründen gestrichen werden mussten, doch noch zu erfüllen. So wurde der Bau des Glockenträgers erst möglich, aber auch die Außenanlagen, der Hof vor dem Eingang zum Jugendbereich und die Ausstattung der Gemeinderäume wären ohne das Erbe in der jetzigen Form nicht zu realisieren gewesen.
Die Architektur – eine runde Sache
Als Grundidee für diesen Kirchenbau diente Alexander Freiherr von Branca die geografische Mitte als verweisendes Zeichen auf die geistige Mitte des christlichen Glaubens.
Das äußere Erscheinungsbild der Gethsemanekirche wird geprägt von den kreisförmig ausgebildeten Außenwänden, die eine vom Dach abgelöste Schale bilden. Die Ausführung als Natursteinmauerwerk aus örtlich vorkommendem Muschelkalk erzeugt den Eindruck einer gewissen Mächtigkeit.
Der gesamte Baukörper gliedert sich in drei ineinander übergehende Bereiche: Die Kirche mit Kinderkirche, den Gemeindehausbereich und die Jugendräume im Untergeschoss.
Alle Bauteile sind als Kreissegmente ausgebildet, deren Radien zum gemeinsamen Mittelpunkt im runden Kirchenraum führen.
Der Kirchenraum selbst ist der bestimmende Teil der Gesamtanlage und wurde als Zentralraum gestaltet. Er wird bestimmt von den geputzten weißen Umfassungsflächen, der farblich abgesetzten Tragkonstruktion der Stützen und der weiß gehaltenen Dachuntersicht zum Licht.
Der Altartisch steht in der geometrischen Mitte sowohl der Horizontal- als auch der Vertikalachse der Kirche. Die Sitzbänke sind kreisbogenförmig um ihn angeordnet. Die das Dach tragenden Stützen bilden einen inneren Kreis, um den ein Umgang herumführt.
Auf gleicher Ebene und in den gleichen Kreisen versammelt sich die Gemeinde um den Altar. Gewollt ist dabei auch, dass Pfarrer oder Pfarrerin zum gleichen Kreis von Menschen dazugehören. Von der Mitte der versammelten Gemeinde aus wandert die Aufmerksamkeit in die Höhe. Die Freiheit des Himmels und die Geborgenheit in den runden Mauern finden beide hier ihren Ausdruck. Von der Mitte aus kann das Evangelium seine tröstende und befreiende Kraft entfalten.
Beeindruckend kann die Ausrichtung der Kirche am frühen Ostermorgen erlebt werden. Dann geht die Sonne genau hinter der östlich ausgerichteten Kirchentür über dem Maintal auf. Der Weg hinaus in den Alltag wird so sinnbildlich von der Ostersonne beschienen.
Das Kunstwerk an der Altarwand
Viele Menschen assoziieren mit dem Kunstwerk geöffnete Thorarollen. Sie stellen eine Verbindung zu unserer Wurzel, dem Judentum, her. Die zwei angedeuteten Halbsäulen kann man sich aber auch als Ergänzung der zehn sichtbaren Säulen denken, die das Kirchendach tragen. Die Zahl Zwölf erinnert an die zwölf Stämme Israel und die zwölf Jünger Jesu. Damit symbolisiert sie das Volk Gottes auf dem Weg.
Der Künstler hatte den Auftrag das Thema „Gethsemane“ in seinem Kunstwerk umzusetzen. Er hat es als Assemblage teilweise dreidimensional in Form eines Meditationsbildes angelegt. Eine Erklärung seines Werkes hat Stanislaw Vajce allerdings ausdrücklich abgelehnt. Er möchte, dass die Kirchenbesucher in diesem Bild je nach Jahres- und Tageszeit, je nach Predigt oder innerlicher Befindlichkeit immer wieder etwas Neues
entdecken. So eröffnet das Kunstwerk der Gemeinde in ihrer ganzen Vielfalt einen religiösen Deutungsraum.
Die verwendete Technik ist Eitempera, das eine jahrtausendealte Tradition hat und auch häufig in der Ikonenmalerei Verwendung findet. Auf einem Untergrund aus Champagnerkreide werden sehr viele verschiedene Schichten Farbe übereinander aufgetragen, vor allem für die Vergoldung. Die mit Blattgold überzogenen Teile des Kunstwerks sind mit kräftigem Rot und Blau unterlegt, die das Gold von unten her zum Strahlen bringen.




















